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Geschichte und Geschichten rund um den Jakobsweg

Rilke und die Rosen:

Auf unserer ersten Pilgerreise nach Santiago wählten wir den Weg über das Rhonetal im Wallis, freuten uns an der südlichen Atmosphäre, den hübschen, in Weingärten eingebetteten Dörfern und an den Bergen.

Auf einem Burghügel in Raron zog uns eine spätgotische Kirche an. Auf dem umliegenden Friedhof entdeckten wir das Grab des Dichters Rainer Maria Rilke und fanden, dass er sich da ein wunderschönes Plätzchen ausgesucht hat. Seine Grabinschrift allerdings gab uns Rätsel auf:

Rose, oh reiner Widerspruch, Lust,

Niemandes Schlaf zu sein unter so viel Lidern.

Noch lange beschäftigte uns dieser Spruch auf unserer langen Wanderung:

Die Rose mit ihren vielen Lidern, die zur Ruhe, zum Schlaf einlädt? Als Symbol für die Sehnsucht nach Frieden und Erlösung? Und die Lust, niemandes Schlaf zu sein. Symbol der Liebe, der Lebenskraft? Geht es um die Spannung des Lebens zwischen Zartheit und Kraft, die ihm als Widerspruch erscheint?

Jedenfalls scheint Rilke Rosen geliebt zu haben. Aus seiner Zeit in Paris hat sich eine Anekdote darüber erhalten, wie eine Rose das Herz eines Menschen berühren kann:

Mit einer französischen Begleiterin ging Rilke in Paris öfters über einen Platz, an dem eine Bettlerin saß. Sie streckte ihre Hand aus und nahm, ohne aufzublicken, die Almosen entgegen. Im Gegensatz zu Rilke warf ihr seine Begleiterin häufig ein Geldstück hin. Eines Tages fragte die Französin Rilke, warum er der Frau nie etwas gebe. Rilke antwortete: „Man muss ihrem Herzen schenken, nicht ihrer Hand.“

Ein paar Tage später brachte Rilke der Bettlerin eine gerade aufgeblühte Rose mit, legte sie in ihre Hand und wollte weitergehen. Da geschah etwas Unerwartetes: Die Bettlerin blickte auf, erhob sich mühsam, küsste Rilke die Hand und ging mit der Rose davon.

Eine Woche lang war die Bettlerin verschwunden. Dann saß sie plötzlich wieder an der gewohnten Stelle und hielt wie vorher den Leuten nur ihre ausgestreckte Hand entgegen.

„Wovon sie wohl in den letzten Tagen gelebt hat?“, fragte die Französin. Rilkes Antwort:

„Von der Rose“