Der Münchner Jakobspilgertreff
vom
10. November 2007
in der Münchner Pilgerherberge
St. Martin

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Triefend vor Nässe strömten die ersten Pilgerfreunde bereits kurz nach 9 Uhr ins Haus, um sich aufzuwärmen, den Körper mit einer Tasse heißen Tee oder Kaffee und die Seele durch den Schein der brennenden Kerzen, die eine angenehme Herbergsatmosphäre erzeugten.

Für uns ist es jedes Mal eine große Freude, die bereits vertrauten Pilgerfreunde begrüßen zu dürfen, ebenso spannend ist es, die „Neuen“ kennenzulernen, die schon einen Pilgerweg hinter sich haben und gerne darüber erzählen wollen – oder diejenigen in den Kreis aufzunehmen, die sich mit dem Gedanken tragen, demnächst nach Santiago aufzubrechen.

Mehr als ein Drittel der Pilger gehören inzwischen schon zu den „Stammgästen“ des Pilgertreffens, entsprechend lebhaft ging es bereits beim „Aufwärmen“ zu und so war das Treffen eigentlich schon voll im Gange, als Andreas Ebert den Gong betätigte und alle in die Kirche rief, um es offiziell zu eröffnen.

Pfarrer Andreas Ebert und Reinhold Hanna hießen die Gäste herzlich willkommen.

Erika Laurent und Monika Hanna hatten eine Bildmeditation vorbereitet, um die Pilger im tristen Münchner Herbst wieder in die Stimmung des Jakobswegs zurückzuversetzen.

Mit stimmungsvollen Bildern und einfühlsamen Texten ließen sie die Empfindungen und Erlebnisse, die fast alle Pilger auf dem Jakobsweg haben, wieder aufleben,

- von der Freude des Aufbruchs:

Aufbruch! Ich weiß mir nichts Schöneres! Aufbruch ist Exodus, Auszug. Ausbrechen aus dem Alltag, sich auf Unbekanntes einlassen, einen neuen Weg beginnen! Welche Verheißung!

Nur mit leichtem Gepäck, einem Rucksack auf dem Rücken, der nur das allernötigste enthält!
Mit der einzigen, überschaubaren Sorge, ob ich die heutige Tagesetappe schaffe.
Unterwegs sein, das bedeutet, voll in der Gegenwart leben, ganz ins Jetzt eintauchen. Nur der heutige Tag ist wichtig, nur der Augenblick zählt. Was wird mich heute erwarten?
Welche Begegnungen werde ich haben, mit Menschen, Tieren, Blumen und Bäumen?
Befreit von den Zwängen des Alltags begebe ich mich auf den Weg, als Pilger fordern mich keine beruflichen Themen, keine Termine ... Ich bin völlig frei dafür, jeden Augenblick ganz bewusst zu erleben. Dieses herrliche Gefühl des Aufbruchs wäre alleine die Reise wert!

- über die Hochgefühle, die sich durch das Gehen einstellen, aber auch über die körperlichen Beschwerden des ungewohnt langen Gehens und das Aufarbeiten von seelischen Problemen:

Kaum hat sich der Körper einigermaßen stabilisiert, melden sich die Bilder der Seele.
Verdrängte Erlebnisse aus der Vergangenheit, im Alltag unterdrückte Ängste und Sorgen drängen sich an die Oberfläche, wollen abgearbeitet werden. Tausend Gedanken auf einmal schwirren durch den Kopf, lassen ihn nicht zur Ruhe kommen. Sie halten mir auch einen Spiegel vor: Stimmt das Bild von mir, so wie ich mich gerne sehe? Ist es das wahre Bild oder muss ich etwas korrigieren, „zurechtrücken“? ... Sehr schnell lerne ich unterwegs mich und meine Grenzen kennen. Möglicherweise muss ich meine frühere Selbsteinschätzung korrigieren. Was nicht ganz einfach ist.

– bis zu dem, was sich nach längerem Unterwegssein einstellt, wenn der Jakobsweg zu wirken beginnt, sich die Gedanken klären und der Kopf frei wird:

Plötzlich haben wir alle Zeit der Welt, um uns an der Natur zu erfreuen, die vielfältigen Landschaften Europas und die Kunst und Kultur entlang des Pilgerweges zu genießen ...
Nun suchen wir auch die Nähe der Mitpilger, freuen uns auf den abendlichen Gedankenaustausch mit Menschen aus aller Welt, ... doch Pilger verstehen sich auch ohne Worte. Sie teilen miteinander, nicht nur das Brot und den Raum, sondern auch die gleiche Sehnsucht.
... Und langsam wird der Weg zum Ritual. Wochen- und monatelang unterwegs zu sein, erzeugt Einheit von Körper, Seele und Geist. Läuterung setzt ein. So manche starre, unbewegliche Einstellung und Verkrustung, die sich im Alltag immer weiter gefestigt hat, lockert sich durch das Gehen. Ich entspanne mich, bin plötzlich frei für neue Impulse und Ideen. Im wahrsten Sinn des Wortes „wandle ich mich im Wandern“.

– oder die Glücksgefühle bei der Ankunft in Santiago:

Wenn wir nach etwa 120 Wandertagen endlich in Santiago ankommen, trifft uns die Freude wie ein Blitz, überwältigt uns. Wir haben unser Ziel erreicht, sind bei Jakobus und bei uns selbst angekommen. Stolz und glücklich darüber möchten wir am liebsten dableiben und das Glück des Ankommens für ewig festhalten.

 

 

 

 

– und die Rückkehr nach Hause:

Und wie kann ich das Neue im Herzen, das ich auf dem Weg als für mich richtig und gut erkannt habe, in den Alltag hinüberretten? Wenn ich eine andere geworden bin, mich erneuert habe, werde ich versuchen, mit Erfahrung, Weisheit und neuen Impulsen zurück in die eigene Gemeinschaft zu gehen. Und der Rückweg wird ein „Weg der Liebe“ sein.
Die Gedanken von Rainer Maria Rilke sprechen mir aus der Seele:

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.
Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht, bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Die nächste Stunde gehörte dem gegenseitigen „Kennenlernen“. In kleinen Gruppen von stellten sich alle vor und berichteten von ihrer Motivation für dieses Pilgertreffen. Die Zusammensetzung war günstig, jeder Teilnehmer, der sich über den Weg informieren wollte und Fragen dazu hatte, traf auf Pilger, die bereits unterwegs waren, sogar ganz frisch aus Santiago zurückgekehrte Pilger waren dabei. So fand ein reger Gedankenaustausch statt und die dafür vorgesehene Stunde verging wie im Flug.

 

Dann wurde es etwas ernster: Reinhold Hanna und Andreas Ebert berichteten über die Situation auf dem spanischen Jakobsweg, wie er sich im Jahr 2007 darstellte. Reinhold Hanna gab seiner Sorge darüber Ausdruck, dass die Seele des Jakobsweges in Gefahr ist, von der „Spaßgesellschaft“ verkommerzialisiert zu werden und berichtete in Beispielen von den Erlebnissen unterwegs: Zum einen über die Vermarktung des Weges selber:

Da ist z.B. der spanische Tourismus- und Fremdenverkehrs-verband, der in einer beispiellosen professionellen Marketing-kampagne den Jakobsweg vermarktet hat und vermarktet. Mit wirklich bedeutenden Summen wurde diese Maßnahme auch aus EU-Mitteln unterstützt ... Die Gegend entlang des Jakobsweges wurde in einem Maße durch infrastrukturelle Maßnahmen umgestaltet, die uns zumindest sprachlos, ja fassungslos hat werden lassen ...
In Spanien liegt das Kind schon im Wasser und hoffentlich ertrinkt es nicht noch. Aber, ich sage dies besonders mit Blick auf Aktionen in unseren Bereichen, wo man auch von staatlicher Seite und von Seiten des Tourismus beginnt, sich um unsere Pilgerwege zu kümmern. Wer es ernst meint mit dem Geschenk des Jakobsweges, sollte hier rechtzeitig aus den Fehlern in Spanien lernen ...

Zum anderen erzählte er über die veränderte Situation, die sich durch die vielen Menschen, die sich auf den Weg gemacht haben, vor allem in Spanien ergibt:

Eine weitere Besonderheit ergibt sich dadurch, dass in den letzten Jahren Prominente den Jakobsweg gewandert sind; aus deutscher Sicht z.B. Hape Kerkeling. Ich habe das Buch mit sehr viel Freude gelesen, weil hier ein Mensch in einer Lebenskrise auf Sinnsuche gegangen ist ... Er ist ohne Vorankündigung, ohne Publicity, auf seinen Weg gegangen, hat sich so lange wie möglich anonym bewegt, er wollte zumindest am Anfang alleine seinen Weg gehen und hat sich mit sich und der Welt auseinandergesetzt... Ich glaube aber, dass er das, was er mit seiner Veröffentlichung ins Rollen gebracht hat, nicht geahnt, geschweige denn beabsichtigt hat. Doch es gibt inzwischen „Kerkeling-Touristen“ – ich habe selbst mit ihnen gesprochen, die mit dem aufgeschlagenen Buch in der Hand – wie ein Priester beim Brevierbeten – den Weg ablaufen und nach übereinstimmenden Fakten zwischen Weg und Buch suchen ... Und außerdem fiel uns heuer auf, dass es als Pilger getarnte Akquisiteure von Sekten / Unternehmen auf dem spanischen Jakobsweg gab, die sich an die „ärmsten Pilgerinnen und Pilger“ heranmachten. Menschen, die in einer Lebenskrise auf den Jakobsweg gingen, um über sich und ihren Stand in der Welt nachzudenken, und die dann an diese „Menschenfänger“ gerieten, die sie möglicherweise zu teuren Kursen zuhause in Deutschland überredeten ... Und als wir zuhause ankamen, fanden wir im Fernsehen eine Programmankündigung für „Promi-Pilgern“ vor ...

Reinhold Hanna äußerte abschließend seine Hoffnung, dass das Geschenk des Jakobswegs, so wie wir es erleben durften, für uns heutige Menschen erhalten bleibt. Der Jakobsweg habe schon vieles überstanden, aber es wäre schön, wenn wir ihn auch weiterhin individuell und ohne große Vorausplanung von der eigenen Haustüre aus erwandern können und auf ihm in aller Stille zu uns selbst finden können.

Andreas Ebert ergänzte die Ausführungen dahingehend, dass es auch im Mittelalter schon „Muschelbrüder“ gegeben hat, das waren „Diebe und Herumtreiber aller Art“, die sich unter die Pilger mischten und sich Vorteile zu verschaffen suchten. Und er zitierte Kommentare aus aktuellen deutschen Zeitschriften, die mit leichtem Zynismus von diesen neueren Phänomen berichteten.

In der abschließenden Diskussion darüber ergänzten einige Pilger die Ausführungen durch eigene Erlebnisse auf dem Jakobsweg, bei den meisten überwogen dennoch die tiefen Erlebnisse, die ihnen der Weg geschenkt hatte.

Und wo hätte man die Erlebnisse und Eindrücke besser vertiefen können, als bei einer dicken mediterranen Gemüsesuppe mit Fladenbrot und Rotwein, bei der sich die typischen Pilgergespräche, die wir von den Herbergen kennen, von selbst einstellten?

Leider hatte Petrus kein Einsehen mit uns – wir mussten uns als Pilger beweisen, die ja auch bei jedem Wetter gehen. Und es zeigte sich, dass alle die Herausforderung annahmen und sich trotz des Regens vom kalten Wind den Kopf durchblasen ließen und auf dem Teilstück des Münchner Jakobswegs an der Isar mitmarschierten.

Nach der erneuten Aufwärmphase mit Kaffee, Kuchen und Käse erwarteten alle gespannt den Vortrag unseres Gastreferenten Peter Lindenthal aus Innsbruck zum Thema:

„Pilgern im 21. Jahrhundert“.

Peter Lindenthal berichtete zunächst aus seinem eigenen Leben und den Impulsen, die ihn selbst auf den Jakobsweg geführt hatten. Er hatte während eines Freiwilligenjahrs im Indianerhochland Mittelamerikas die bittere Armut der „Dritten Welt“ kennengelernt.

Irgendwann kam er mit dem Kalender der Mayas in Berührung, die ihren Geburtstag als „Tag des Aufbruchs für das Leben“ betrachten und er stellte fest, dass er am „Tag des Weges“ geboren ist. Doch erst im Jahr 1992 stieß er „zufällig“ auf den Jakobsweg. Auf dem Ibañetapass in den Pyrenäen kam er an dem großen Stein vorbei, mit der Inschrift: „768 km bis nach Santiago“. Wie für so viele Jakobspilger brauchte er nur noch einen kleinen Auslöser, diesen „Stein des Anstoßes und er war und ist unterwegs. Seit damals erfüllt er seinen „Auftrag des Lebens“! Auf den spanischen und französischen Wegen und schließlich in Österreich, seinem Heimatland. Hier recherchiert, beschreibt und markiert er Wege und ist, zusammen mit seinem Hund, inzwischen mehrere tausend Kilometer gepilgert.

Doch vor allem beschäftigt ihn der Weg selbst, seine Entstehung, seine Spiritualität und vor allem auch die Menschen, die ihn begehen. Welche Motive hatten und haben sie? Was erwarten sie in Santiago, was nehmen sie mit nach Hause? Wie geht das Leben nachher weiter? Was führt dazu, dass viele ihre Lebensgewohnheiten nach dem Jakobsweg verändern? Und: Ohne Ziel gibt es keinen Weg, das Ziel ist der Motor!

Lindenthal berichtete anschaulich von der Historie des Jakobswegs, von der Legende der Auffindung des Apostelgrabs über den Mythos vom „Maurentöter“ Jakobus und die Entstehung der Stadt Santiago als Wallfahrtsort, von der Reconquista ebenso wie von den Wallfahrern, die immer schon heilige Orte aufsuchten, um Kontakt mit dem Jenseits zu knüpfen und von den irischen Wandermönchen, die z.B. St. Gallen gegründet haben, das heute wieder an einem Jakobsweg liegt.

Gegen Ende seines Vortrages kam er zu seinem Hauptanliegen, dem Pilgern in unserem Jahrhundert. Und warum seiner Meinung nach der Jakobsweg so „boomt“: Auch der Mensch von heute lebt nicht nur von der materiellen Dimension, sondern er benötigt auch die spirituelle. Und diese beiden Dimensionen müssen ausgeglichen sein. Da in unserer Zeit die materielle eher „randvoll“ ist und die spirituelle ziemlich leer, ergeben sich Ungleichheit und Spannung, Diskrepanz. Die kapitalistische Gesellschaft kann nur mit Kommerz Antworten geben. Deshalb suchen die Menschen nach dem Spirituellen und sie suchen es u.a. auch auf dem Jakobsweg. Hier kann die „Magie des Gehens“ erlebt werden, allerdings nur, wenn man sich auf den Weg einlässt. Das heißt, auch bei einer Teilstrecke mindestens drei Wochen unterwegs zu sein, um überhaupt etwas davon zu spüren, was diesen Weg ausmacht. Und die Pilger sollten zu Fuß unterwegs sein, denn der Rhythmus des Lebens ist die „Gehgeschwindigkeit“. Auch die Seele kann sich nur in dieser Gehgeschwindigkeit fortbewegen. Da wir heute zurück nach Hause fliegen, mit Auto oder Bahn fahren, fehlt der Prozess des „Rückwärtsgehens“, der für die Menschen im Mittelalter noch selbstverständlich war. Unsere Seele kommt nicht schnell genug nach und braucht viel länger, bis sie wieder zuhause ankommt. Auch die Seele unserer Kultur geht verloren, wenn wir uns immer schneller fortbewegen ... Damit schloss sich der Kreis zu den Ausführungen über den Jakobsweg von Reinhold Hanna und Andreas Ebert vom Vormittag.

Zum Abschluss zitierte Peter Lindenthal die nachfolgenden 10 Ge(h)bote für Pilger von Bruno Kunz:

  • 1. Geh
    Es gibt fürs Pilgern kein besseres Fortbewegungsmittel als das Gehen. Gehen! Darum geht es.
     

  • 2. Geh langsam
    Setz dich nicht unter unnötigen sportlichen Leistungsdruck. Du kommst immer nur bei dir selbst an.
     

  • 3. Geh leicht
    Reduziere dein Gepäck auf das Nötigste. Es ist ein gutes Gefühl mit wenig auszukommen.
     

  • 4. Geh einfach
    Einfachheit begünstigt spirituelle Erfahrungen. Sie ist sogar Voraussetzung dafür.
     

  • 5. Geh alleine
    Du kannst besser in dich gehen und offener auf andere(s) zugehen.
     

  • 6. Geh dankbar Alles
    - auch das Mühsame - hat seinen tieferen Sinn. Vielleicht erkennst du diesen erst später.
     

  • 7. Geh lange
    Auf die Schnelle wirst du nichts kapieren. Erst wenn du wochenlang unterwegs bist, wirst du dem Geheimnis des (Jakobs-)Weges auf die Spur zu kommen.
     

  • 8. Geh achtsam
    Wenn du bewusst gehst, lernst du den Weg so anzunehmen wie er ist. Dies zu begreifen ist ein wichtiger Lernprozess und braucht seine Zeit (siehe Punkt 7).
     

  • 9. Geh weiter
    Auch wenn Krisen dich an deinem wunden Punkt treffen, geh weiter. Vertraue darauf: Es geht, wenn man geht. und zum Schluss
     

  • 10. Geh mit Gott
    Es pilgert sich leichter, wenn du im Namen Gottes gehst. Wenn Gott für dich weit weg oder inexistent ist, könnten dir die Ge(h)bote 1-9 helfen, das Göttliche in dir (wieder) zu entdecken.

 

Zum Schluß ein herzliches Dankeschön an alle, die im Anschluss noch beim Aufräumen halfen. Und vor allem auch an die hilfreichen Geister in der Küche für das gute Essen und die liebevolle Versorgung.

Machts gut und vielleicht bis auf ein nächstes Mal
Ultreya und alles Gute auf all Eueren Wegen.