Der Münchner Jakobspilgertreff
vom
18. Oktober 2008
in der Münchner Pilgerherberge
St. Martin

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Archiv der bisherigen Berichte unserer Jakobstreffen

Während unserer Vorbereitungen für das Pilgertreffen zwängten sich am späten Freitag Nachmittag plötzlich zwei Pilger mit hoch aufgepackten Rucksäcken durch die Eingangstür: Brigitte und Othmar aus Tirol waren am vergangenen Samstag von zuhause aus aufgebrochen, um den Münchner Jakobsweg „rückwärts“ zu gehen und rechtzeitig zu unserem Pilgertreffen in München zu sein. Sie haben wundervolle goldene Herbsttage auf dem Pilgerweg genossen, sich aber auch bei strömenden Regen um den Ammersee herum geplagt. Pilger halt, die bei jedem Wetter gehen! Mit großer Freude schlossen wir die beiden in die Arme, konnten ihre ganz frischen Erlebnisse und ihre Erschöpfung förmlich spüren und kamen uns sofort wie Herbergseltern vor. Ein tolles Gefühl! Und fast, als hätten sie sich abgesprochen, trafen beinahe zeitgleich unsere fränkischen Pilgerfreunde Dieter und Gerlinde ein, sie waren allerdings mit dem Zug angereist. So begann das Pilgertreffen bereits am Freitag Abend mit einer kräftigen Brotzeit im nahe gelegenen Gasthaus und der Übernachtung der Pilgerfreunde im Matratzenlager von St. Martin.

Der nächste Morgen empfing uns mit warmen Temperaturen und einem strahlend-blauen Himmel – ob dies der Grund dafür war, dass etliche angemeldete Pilger nicht erschienen und vielleicht lieber in die Berge gefahren waren?

Langsam füllte sich das Haus dennoch mit etwa 60 Pilgern und Pfarrer Andreas Ebert und Monika Hanna konnten die Gäste herzlich willkommen heißen. Mit besonderer Freude erfüllte uns, dass die Referentin für den Nachmittagsvortrag, Carmen Rohrbach, bereits von Beginn an am Treffen teilnahm. Ihr Buch über den spanischen Jakobsweg, den sie bereits vor über zwanzig Jahren gegangen ist, war eines der ersten, das deutsche Jakobspilger „in Bewegung“ gesetzt hat. Und es war ihr Wunsch, heute durch die Pilger viel „Jakobsluft“ zu schnuppern und dadurch ihre Gefühle vom Jakobsweg wieder aufzufrischen.

Zum Einstimmen auf die Gruppengespräche hatte Reinhold Hanna auf der Orgel ein neues Pilgerlied einstudiert: „Santo Jacobo del Camino“, das nun alle aus vollem Herzen mitsangen. Es diente gleichzeitig als „Ständchen“ für Monika Förster, die an diesem Tag ihren Geburtstag feierte und sich über die vielen Glückwünsche freute.

Anschließend wurden die „Pilger-Neulinge“ in die Gemeinschaft integriert. Dabei wurden kleine gemischte Gruppen zusammengestellt; die „Neuen“ konnten ihre Fragen und Wünsche äußern und fanden so leichter die passenden Gesprächspartner, um sich gegenseitig kennenzulernen und auszutauschen.
Auch Monika und Ferdinand Seehars, Sekretär der Fränkischen Jakobusgesellschaft, konnten wir noch begrüßen, beide standen den Pilgern mit Rat und Tat zur Seite.

 

Nach einer kleinen Kaffeepause meditierte Pfarrer Andreas Ebert über das Thema des Tages:



„Wir haben einen Stern gesehen ...“

„Zu Beginn des 9. Jahrhunderts bemerkte ein Einsiedlermönch namens Pelagius seltsame Lichterscheinungen über einem Hügel. Engel verkündeten ihm, dass hier der Leichnam des hl. Jakobus ruhe. Er berichtete Theodemir davon, dem Bischof von Iria Flavia (heute Padrón), der den Hügel aufgraben ließ. Ein Marmorgrab wurde freigelegt und der Bischof erklärte es zum Grab des Heiligen Jakobus. Wegen des Leuchtens wurde der Platz „campus stellae“ („Feld des Sternes“) genannt, später wurde daraus Compostela.“
Soweit die „Goldene Legende“ aus dem 13. Jahrhundert. In anderen Legenden wird berichtet, dass Karl der Große das Grab des Apostels entdeckt habe. Im Traum habe er eine Sternenstraße gesehen und der Apostel Jakobus bedeutete ihm, dass er „zur Befreiung seiner Straße und seines Grabes nach Galicien ziehen solle.“
Auf der goldenen Deckplatte des Karlsschreins in Aachen ist diese Erscheinung sowie eine doppelte Sternenstraße abgebildet. Auch im Rolandslied, das zum Liedgut der Jakobspilger zählte, werden die Heldentaten Karls des Großen erwähnt.

Über dem Grab des Apostels Jakobus errichtete man eine Kirche – die heutige Kathedrale von Santiago de Compostela. Damit setzte die Geschichte des Jakobsweges ein, auf dem seither ein unabreißbarer Menschenstrom zum Grab des Apostels pilgert. Sie folgen der „Sternenstraße“, dem Verlauf der Milchstraße, von Ost nach West. Viele Ortsnamen am Jakobsweg zeugen davon, wie Estella, Astorga, León u.a. Der Sternenweg wurde immer als Synonym für den Lebensweg, für den Weg ins Paradies gedeutet, und Finisterre im äußersten Westen als „Lebensende“.

Andreas Ebert führte aus, dass die „Heiligen Drei Könige“ keine Könige, sondern Magier, Schamanen und vor allem Experten für Sterne, also Sterndeuter waren. In der babylonischen Religion waren Sterne Götter, diese sind im Alten Testament, also durch Israel entmythologisiert worden. Welchen Stern die Magier zur Zeit Christi Geburt über sich gesehen haben, löste viele Spekulationen aus, vom Halleyschen Kometen, den Johannes Kepler als erster identifizierte, über die seit den 70er Jahren vermutete Theorie einer Konjunktion von Jupiter und Saturn, die eine optische Täuschung auslösten. Sie könnte als Hinweis auf ein wichtiges Ereignis in Israel verstanden worden sein. Jupiter war der Königsstern der Babylonier, Saturn der Stern Israels. Eine Konjunktion dieser beiden im Sternbild Fische – dem letzten Sternbild – könnte bedeutet haben, dass in Israel ein mächtiger König geboren wurde.

Die drei Magier suchten also nach etwas, von dem sie nicht genau wussten, was es ist. Ähnlich ergeht es auch den Pilgern auf dem Jakobsweg. Die Gründe, warum sich ein Mensch auf eine Pilgerreise begibt, sind oft vielseitig und vermischt, weshalb die Abfrage nach sportlichen, spirituellen oder religiösen Motiven eigentlich keinen Sinn ergibt. Denn alle Gründe zusammen ergeben immer einen spirituellen „Mehrwert“.

Die Magier gingen zuerst an den Königshof in Jerusalem, wo niemand etwas von einem neugeborenen König wusste. Herodes ließ in alten Büchern nachsehen und man fand einen Hinweis darauf, dass zur Zeitenwende ein Messias geboren werden sollte. Und die Magier folgten dem Stern weiter, bis er an dem Ort stehenblieb, wo sie das Kind fanden.

Doch etwas war anders als in ihren Erwartungen, das Bild stimmte nicht, nicht an einem Königshof, sondern in einem Stall hatten sie das Kind gefunden. Ähnelt das nicht auch den Erfahrungen, die wir als Pilger machen?

Die Magier brachten dem Kind Geschenke mit: Gold – das Geschenk für einen König, Weihrauch – das angemessene Geschenk für einen Priester und Myrrhe – als Heilpflanze und Hinweis darauf, dass Jesus der von Gott gesandte Arzt und Heiler (Heiland) ist. (Matthäus-Evangelium)

An dieser Stelle regte Andreas Ebert die Pilger dazu an, ähnlich wie die Magier beim Kind heute drei Dinge abzulegen und sich zu fragen:
„Was steht bei mir für Gold, Weihrauch und Myrrhe, welche Talente, Bildung, Erfahrungen habe ich gemacht?
Und jeder Pilger erhielt drei Zettel: einen gelben für Gold – das für die guten, materiellen Dinge steht, einen in Lila für Weihrauch – für die spirituellen Gaben, für Sehnsüchte und Erfahrungen, und einen grünen für Myrrhe – für die Schwere und das Leid. Andreas bat darum, dass jeder auf seinen Zetteln ein für ihn zutreffendes Stichwort zum Thema notiert.

Die Zettel dienten dazu, im Anschluss eingesammelt und gemischt zu werden, um sie auf der Pilgerwanderung am Nachmittag wieder neu zu verteilen, so dass jeder PilgerIn über die Anliegen eines anderen meditieren und nachdenken könne.
Dieser Bitte wurde gerne und in aller Stille von den Teilnehmern nachgekommen.

Beim anschließenden Mittagessen kam bei Suppe, Brot, Käse und Rotwein der Gedankenaustausch wieder richtig in Schwung.

Der anschließende Pilgerspaziergang führte zuerst zur Kirche St. Jakob am Anger, wo wir mit Segen und Pilgerlied auszogen und – diesmal von Anfang an den Muschelschildern des Münchner Jakobswegs folgend – über die Ludwigsbrücke zum Innenhof des Deutschen Museums wanderten. Dort an der Sonnenstation mit großer Sonnenkugel beginnt der Planetenweg, der Sternenweg, der in neun Stationen zum Tierpark führt.

In Erinnerung an die Hl. Drei Könige machten wir erstmals Halt bei Jupiter. Hier suchte sich jeder Pilger drei verschiedenfarbige Zettel aus, schweigend wanderten wir bis zur nächsten Station, dem Saturn und dachten über die zufällig gezogenen Themen nach.

Am Saturn gab ein freundlicher Mitpilger einen guten Spruch zum Besten, mit dem man sich am leichtesten die Planeten in ihrer Reihenfolge, gemessen an ihrer Entfernung zur Sonne, einprägt:

„Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unsere neun Planeten“
Merkur / Venus / Erde / Mars / Jupiter / Saturn / Uranus / Neptun / Pluto.

Der Münchner Jakobsweg folgt dem Planetenweg bis zum Pluto am Tierpark. Wir bogen allerdings bei der Wittelsbacherbrücke ab, um rechtzeitig wieder in St. Martin zu sein, denn ein Höhepunkt stand uns noch bevor – der Vortrag von Carmen Rohrbach:

Einfühlsam und mit hervorragenden Bildern untermalt, erzählte sie von ihren Eindrücken und Erlebnissen auf der Via Podiensis, dem französischen Jakobsweg, von Le Puy bis Moissac. Auf dem 700 km langen Weg, den sie mit ihrem Esel Chocolat zurück-gelegt hat, ließ sie uns teilhaben an ihren Begegnungen mit Menschen und Tieren, der ein-drucksvollen Kultur und Kunst am Weg sowie den wunderschönen Landschaften und sie las auch einige Absätze aus dem danach entstandenen Buch „Muscheln am Weg“ vor. Beeindruckt haben daneben auch ihre sensiblen Einblicke in die Psyche eines Esels, so dass es uns wohl zukünftig schwerer fallen wird, von „störrischen Eseln“ zu reden und wir mehr versuchen werden, das Verhalten von Tieren zu verstehen.

Die Zeit verging wie immer wie im Flug und das obligatorische Abschlusslied „Möge die Straße“ beendete einen interessanten Pilgertag.

Ein herzliches Dankeschön an alle hilfreichen Geister, die uns beim Eintreffen der Gäste, in der Küche und beim abschließenden Aufräumen zur Seite standen.

PS: Das nächste Pilgertreffen in St. Martin findet voraussichtlich am 21. März 2009 statt.

Darauf freuen sich Euer/e
Andreas, Reinhold und Monika